Diärese (Diaerese)
Eine Vokalfolge, die im Alltag als eine Silbe verschmilzt, wird in zwei Silben gesprochen: „li-on“ statt „lion“.
Die Diärese trennt benachbarte Vokale, die die Alltagssprache zu einer Silbe verschmilzt, in zwei Silben: „nu-age“, „vi-olence“, „passi-on“. In der klassischen französischen Metrik ist das keine Laune, sondern eine weitgehend etymologische Regel: Wörter, deren Vokale im Lateinischen getrennt waren, verlangen im Vers die Diärese.
Für den Praktiker ist sie zunächst ein Zählwerkzeug: „violon“ zählt in Prosa zwei Silben, im klassischen Vers oft drei. Sie ist auch ein Ausdrucksmittel — die Diärese dehnt das Wort, verlangsamt es, hebt es hervor; Dichter nutzen sie, um ein Wort „andauern“ zu lassen. Ihr Gegenstück ist die Synärese, die zwei Vokale zu einer Silbe verschmilzt. Das Deutsche kennt keine vergleichbare Silbenzähltechnik: Sein Versmaß beruht auf Hebungen und Senkungen, nicht auf einer festen Silbenzahl mit variabler Vokalbehandlung.
Beispiel
Im Deutschen gibt es dieses Spiel nicht: Silbenzahl ergibt sich aus der Aussprache, nicht aus einer metrischen Wahl.
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