Freier Vers
Vers, befreit von regelmäßigem Metrum und Reimzwang — nicht aber vom Rhythmus: Der Zeilenumbruch wird zum zentralen Mittel.
Der freie Vers befreit sich von regelmäßiger Silbenzählung, Reimzwang und festen Formen. In Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, im Englischen von Whitman und dann den Modernisten getragen, im Deutschen von Hölderlin vorweggenommen und im 20. Jahrhundert etwa von Brecht und Celan geprägt, wurde er zum vorherrschenden Regime der zeitgenössischen Dichtung.
Frei heißt nicht regellos: Ohne Metrum beruht der freie Vers ganz auf lokalen Entscheidungen — wo die Zeile bricht (jeder Bruch ist ein Mikroereignis: siehe Zeilensprung), welche Klänge wiederkehren (Assonanzen, Anaphern), welchen Atem die Strophen haben. Das ist mehr Verantwortung als Befreiung: Im regelmäßigen Vers entscheidet die Form; im freien Vers muss jede Zeile ihren Bruch rechtfertigen. Die gnadenlose Probe: Als Prosa abgeschrieben, verliert das Gedicht etwas? Wenn nicht, war es Prosa.
Beispiel
Hölderlins späte Hymnen lösen sich vom Metrum: der Atem selbst wird zum Maß.
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